2016-12-05

#708 – it ain't over 'til it's over oder: 2016 versuchte nochmal nachdrücklich zu saugen

Am 21.11. ereilt mich nachmittags gegen zwei ein Anruf der Tierarztfreundin, die mit des Gatten Onkel liiert ist (die, bei denen die Rinder auf der Koppel stehen). Die kleine Färse, genannt „die Mutsche“, hat Wehen, aber es scheint sich nichts zu tun. Wie lange schon, ist unbekannt. Sie erreiche ihren Mann nicht, ob ich via dem Meinigen dem Ihrigen Bescheid geben könne. Mach ich.

Aber was nun?

Wir sind beide halbwegs ratlos, wie nun weiter zu verfahren sei, da die Mutsche eher weniger entspannt ist im Umgang mit Menschen. Kein Wunder, die Rinder leben ganzjährig auf der Koppel, und wir Menschen greifen nur punktuell ein (regelmäßig zufüttern, Klauen schneiden und Blutabnahme gelegentlich, Ohrmarken setzen einmalig - so was halt). Die C. selber ist grade mit Reitschulkindern beschäftigt und nicht abkömmlich.

Ich flitze erst mal rüber, um mir ein Bild zu machen und dann zu tun, was ich besonders gut kann: Organisieren und Herumtelefonieren. Der G., ihr Mann, kommt auch gerade, und wir stiefeln gemeinsam über die Koppel, um die Lage zu sichten.

Der Mutsche geht es schlecht, aber sie ist nicht apathisch genug, uns an sich heranzulassen. Sie liegt am äußersten Ende der Koppel, steht aber sofort auf und weicht uns aus, wenn wir auf weniger als 5 Meter herankommen. Wir beratschlagen, wie wir weiter verfahren wollen. Arzt holen? Den Schlachter? Den Bisonzüchter aus dem Nachbardorf? Alle müssen ggf. erst herantelefoniert werden.
Der G. willigt scheinbar ein, dass ich vor einer endgültigen Entscheidung noch mit dem Meinigen spreche – schließlich sind wir diejenigen, die die Rechnungen bezahlen müssen. Als ich 10 Minuten später dem G. mitteile, dass wir bei Kosten ab vierstellig die Kuh schlachten lassen (müssen – das haben wir grade nicht klein einstecken), teilt er mir mit, dass er die Tierklinik bereits angerufen hat und die bereits unterwegs sind.
Ich schäume – aber nun isses mal so, Punkt. Kann ich nur hoffen, dass es nicht so teuer wird.

Der TA kommt von der Unikinik und steckt erst mal in einem Stau auf der P-straße fest. Es ist bereits dunkel. als er eintrifft. Und bitterkalt. Zu dem Zeitpunkt habe ich bereits 3 Stunden im sibirisch-eisigen Wind auf der Koppel zugebracht. Zum Glück hat mir der Gatte eine weitere Jacke mitgebracht und zwei Fahrradlampen. Eigentlich zum Suchen der Mutsche, aber sie erweisen sich später als OP-Licht als höchst nützlich.

Die Mutsche wird mit dem Blasrohr sediert, das Narkotikum wirkt erfreulich schnell, und dann geht es schon los. Die Mutsche bekommt einen Strick um das Hinterbein, damit sie den TA nicht tritt. Diesen Strick soll der G. halten. Also FEST halten. So dass sie eben nicht treten kann. Und was tut er? – Hält den Strick wie nen Pillemann mit zwei Fingern, sodass der TA dann doch zwei, drei Tritte abbekommt. Ich mache mir meine eigenen (wenig freundlichen) Gedanken darum, wie hilfreich der G. bei dieser ganzen Geschichte ist.
Dann Scheren, Rasieren, Waschen, Lokalanästhesie, nochmal Waschen, Schnitt. Direkt auf der Koppel. Im Wind. Der TA hat unter seinem OP-Schurz nur ein T-Shirt an, und ich frage mich, ob der Uran frühstückt, dass er die schneidende Kälte so wegsteckt. Die mitgereiste Studentin assistiert, der Student steht ein bisschen ungeschickt in der Gegend herum. Ich leuchte.
(Man staunt, wozu die modernen LED-Fahrradlampen alles taugen. Die geben ein wunderbar fokussiertes Licht ab, und sowohl der TA als auch die beiden studentischen Assistenten sind sehr angetan davon.)
Nach erstaunlich kurzer Zeit (schätzungsweise nicht viel mehr als eine Stunde) ist der Uterus entwickelt und das tote Kalb draußen. Der TA meint nach Blick auf die Fibrinmengen im Bauch der Mutsche, sie könne schon SEHR lange Wehen gehabt haben. Sooo groß war das Kalb dann gar nicht – aber die Lütte ist eben noch ein Kind – quasi eine frühe Teenager-Schwangerschaft (bzw. -trächtigkeit) :(((
Der TA ist erfreut über den Zustand des Uterus, der sich bereits deutlich zusammenzieht. Das sei ein gutes Zeichen. Er wird gründlichst gespült, mit zwei gewaltigen Nähten mit fast zwirndickem Faden zusammengenäht wie ein dicker Rollbraten und rückverlagert. Dann spült der Doc den Bauch ebenso gründlich, vernäht den Bauchschnitt und klammert die Haut. Nach reichlich zwei Stunden ist die OP beendet, und wir stehen frierend im Licht der beiden Transporter auf der Koppel. Der Gatte und ich reisen heim, ich falle in die Wanne und anschließend stumpf ins Bett.

Epilog:

Anderntags versuchen die C. und ich, dem Färslein die zweite Antibiose-Spritze zu geben. Klappt natürlich nicht, die Dame lässt uns nach den Schmerzen und Erfahrungen des Vortages natürlich nicht an sich heran. Aber es geht ihr den Umständen entsprechend passabel. In den folgenden Tagen erholt sie sich dann zusehends.
6 Tage post-OP darf sie wieder zur Herde. und 10 Tage post-OP werden ihr während der jährlichen Blutentnahme auch die Klammern entfernt. Ob sie nun wieder trächtig wird und ob eine solche Trächtigkeit problemlos läuft oder sie dann im zweiten Anlauf umbringt, werden wir nun abwarten (müssen). In Summe war die Rettungsaktion ein Erfolg. Das immerhin ist richtig schön!

Der TA-Einsatz war dann erstaunlich preiswert, knapp 500 EUR über alles inkl. Not- und Nachtdienstzuschlag finde ich erstaunlich wenig dafür, dass da einer mit einem Koffer voll Equipment anreist und sich insgesamt etwa 3 Stunden lang auf einer sehr kalten Koppel mit einer fremden Kuh beschäftigt. Der Gatte und ich sind froh, dass wir den Rettungsversuch gemacht haben, weniger froh hingegen über des G. Eigenmächtigkeiten. Ich denke, das werden wir noch mal bereden. Zumal der G. mit Kühen exakt genau so wenig Erfahrungen hat wie wir. Bei Pferden ist das anders, die züchtete er ja jahrzehntelang. Aber Pferd =/= Kuh.
Der Gatte und ich haben vor, in Zukunft unsere Wünsche nachdrücklicher durchzudrücken, nach dem bekannten Motto: „Wer die Musik bezahlt, bestimmt auch, was gespielt wird.“

Wir werden sehen. 

Kommentare:

tiker hat gesagt…

Ich bin ja nur ein Stadtkind und Tiere kenne ich bloß auf dem Schoß (Katze), oder an der Leine (Hund).
Dass die Mutsche das alles gut überstanden hat und nicht geschlachtet wurde, freut mich sehr, sehr!
Ein frohes neues Jahr wünsche ich!

hühnerschreck hat gesagt…

danke, liebe/r tiker! auch dir ein frohes, gesundes und glückliches neues jahr!

und ja, es freut auch mich sehr, dass es der mutsche wieder gut geht. ich finde, dass es tieren grundsätzlich gut gehen sollte. egal, ob als kuschel- oder hofversion. und dass man als pflegende/r dafür zu sorgen hat, dass es den tieren gut geht, dass sie keine schmerzen leiden. die schlachte-version hätte ich sehr unschön gefunden, zumal unser versäumnis ja überhaupt erst zu der situation "trächtige mutsche" geführt hat. (ich hoffe, dass wir das in folgenden jahren abgebogen bekommen: dieses jahr soll eine solide einfriedung gebaut werden, sodass wir weibliche kälber vom bullen trennen können.)