2016-02-22

#655 – blutsbande

der gatte hatte gestern den enkel da. das neue fahrrad sollte eingeweiht werden.
(ich nenne den enkel ab sofort hütchen oder mützchen, da er und seine familiäre konstellation mich an einen klassenkameraden selbigen spitznamens erinnern.)
hütchen hatte jüngst geburtstag und wurde fünf. eigentlich kein schlechtes alter, um das radfahren zu erlernen.
nun ist hütchen aber nicht in der lage, dinge über einen längeren zeitraum als ein paar sekunden zu tun. wenn ich behaupte, mit seinem körper- und gleichgewichtsgefühl sei es nicht weit her, dann ist das noch geprahlt. so war er nicht in der lage, auch nur wenige meter mit dem rad geradeaus zu fahren. (und ich habe auch das gefühl, dass er nicht ordentlich gradeaus laufen kann.)
jedenfalls kamen mein lieber gatte und er nach relativ kurzer zeit wieder, hütchen ordentlich dreckig (und das rad auch), und der spaß schien sich in sehr überschaubaren grenzen gehalten zu haben.
es ist wirklich, wirklich selten, dass mein liebster mal frustriert von bewegungsaktivitäten heimkommt. hier war es aber der fall.
dem kind fehlen ganz wesentliche motorische fähigkeiten. und ob die mutter in der lage ist, das auszugleichen ... sagen wir es so: ich hege da gewisse zweifel. förderung wäre extrem wichtig. so etwas wie ein motorikpendant zur logopädie. ein oder zwei termine pro woche, in denen der lütte gleichgewichtsübungen und solcherlei macht, damit er wenigstens halbwegs unfallfrei normale dinge tun kann.

gegen halb sieben trudelte das muttertier ein. eigentlich war angesagt, sie holt hütchen ab und fährt dann zügig wieder. (wir hatten ursprünglich auch geplant, ins kino zu wollen.)
aber das muttertier hatte abendbrot (aus dem restaurant zum goldenen bogen ... ohne worte ...) mitgebracht und fragte, ob der kleine nicht bei uns essen könne – es würde sonst so spät.
ich fand es seltsam (um es milde auszudrücken), dass sie mit hütchen zusammen dinierte – angesagt war nur, er isst noch was. aber gut, ich hatte ohnehin mitterweile rasende kopfschmerzen. da bin ich verdammt garstig mit und zu allem. insofern ist meine einschätzung vermutlich dadurch eingefärbt.
exkurs: mir dreht sich immer wieder alles auf links, wenn ich sehe, wie sie mit dem kind umgeht. sie ist nicht gewalttätig oder so. das keinesfalls. aber sie ist herrisch und grob. und sie beschwallert den kurzen UNUNTERBROCHEN. ich hab bei/mit den katzen gelernt, dass die richtungsangaben/befehle kurz und knapp sein müssen. „runter da!“ und „NEIN!“ statt „ich habe dir schon vier mal gesagt, dass du da nicht draufklettern sollst (yadda yadda yadda)“. 
hütchen versteht mMn nicht komplett, was da gesagt wird. die wichtigen informationen aus dem reißenden redestrom erfasst er nur, wenn er sich wirklich konzentriert. was er beim essen nicht tut. jedenfalls nicht, wenn die mutter dabei ist. da zappelt er rum, springt auf, kaut schmatzend mit offenem mund, fuchtelt mit dem essen und so weiter und so weiter. eine nervensäge nullter ordnung. wenn er mit meinem liebsten zusammen isst, funktioniert das deutlich besser. 

bald aber trat der grund zutage, warum sie es sich mal grad hübsch gemütlich gemacht hatte. denn also spruch das muttertier, dass mützchen ja im nächsten jahr eingeschult werden würde.
ich dachte nur, ach du scheiße, der wird absaufen mit pauken und trompeten! er kann mit nunmehr fünf noch nicht ordentlich sprechen. wie soll er denn bitte lesen und schreiben lernen, wenn er die dazugehörige sprache nicht halbwegs beherrscht?
und: sie gedenkt, das kind in eine freie schule zu geben. mit der begründung, dass da (o-ton) „nicht so viele assis“ seien (meine beste, der assi bist du!). aber sie hat schon recht mit dem gedanken, dass betreuungsschlüssel und fördermöglichkeiten deutlich besser sind als an öffentlichen schulen – und hütchen hat förderungsbedarf, ganz ohne jeden zweifel (siehe oben).
nur: solche schulen kosten schulgeld.
in dem moment wurde mir klar, warum sie die „wir würden gern hier essen“-nummer eingefädelt hat und uns ihre schulpläne mitteilte. sie geht davon aus, dass das schulgeld von uns kommen wird. denn mützchens erzeuger ist dazu finanziell nicht in der lage. der kommt finanziell selber kaum klar. da ist jeder schulgeldbetrag schlicht eine überforderung.
ich finde, ihr vorgehen ist eine frechheit.
sich mal so hintenrum für die besprechung einer so wichtigen (und nicht zuletzt richtig teuren) sache selber einzuladen und dann auch nur hintenrum faktoidbröckchen in den raum zu werfen. andererseits bügelt sie jede überlegung von uns ab, dass andere förderung auch hilfreich und nötig sein könnte. mein liebster dachte in die richtung allgemeinsport, ich eher in die der gezielten förderung sowohl der motorischen als auch der sprachlichen fähigkeiten, und beide sind wir uns einig, dass eine einschulung im kommenden jahr für mützchen deutlich zu früh ist.
aber neinnein, da ist er in ihren augen auf einmal die zweithellste kerze auf dem kuchen. und nur sie kann das einschätzen.

das hat mich sehr erbost! diese ganze nummer werde ich noch mal mit meinem liebsten bereden müssen.
dass ich meine aversion gegen das strunzendumme und intrigante weib nicht auf dem rücken des kindes austoben sollte, ist mir schon klar. und auch, dass wir diejenigen sind, die eine förderung ermöglichen könnten – und zwar nur wir. und dass es an der stelle egal ist, egal sein muss, dass ich mit dem kind nicht kann.
(das nicht-können ist übrigens keine unmittelbare folge meiner aversion gegen die erzeugerin. ich bin auch mit den kindern meiner trainerfreundin nur semientspannt. die beiden sind sehr aufgeweckt, zuckersüß und nett und ich habe sie und ihre mutter wirklich lieb, aber über ein paar minuten interaktion während des trainings hinaus möchte ich mich nicht mit ihnen beschäftigen müssen.)
aber ich nehme erstens die hintenrum-einfädel-nummer sehr übel. besonders, wenn ganz klar ist, dass wir darauf nicht eingerichtet waren/sind, und zweitens und vor allem die ihr-seid-dran-mit-zahlen-nummer, ohne in dem fall auch nur ansatzweise auch unsere gedanken zum thema zur kenntnis zu nehmen.
ich vermute, sie wird auf die schmerzhafte weise lernen müssen, dass wir im gegensatz zur erzeugerfraktion nicht bedingungslos zahlungspflichtig sind. wir können unsere zahlungen sehr wohl an bedingungen koppeln und sie ggf. einstellen, wenn diesen nicht entsprochen wird. ganz ehrlich: ich gedenke, im ernstfall genau das zu tun.

Kommentare:

mayhem hat gesagt…

Das sichaufregenüberdiedame lasse ich jetzt mal aus, schont die Nerven ;)
Bezüglich motorischer und anderweitiger Schwierigkeiten des Hütchens: bei mir war das auch alles recht holperig. Sprache konnte ich, Gleichgewichtssinn, Motorik und was man sonst noch so braucht gleich Null, nebenher war ich noch (angeblich) hyperaktiv.. Die Krankenkasse hat Ergotherapie genehmigt, je nachdem, bei welcher er, bzw. seine Eltern sind, sollte das im machbaren Bereich sein. Hat bei mir mehrere Jahre gedauert, und Höchstleistungen vollbringe ich nach wie vor nicht, aber ich bin kein absoluter Körperklaus mehr und gerade in Sachen Motorik und Schulung des Gleichgewichtssinnes war das ziemlich hilfreich.

Ansonsten bin ich ja keine Fachfrau, glaube aber nicht, dass der Junge schon in die Schule gehört. Ggf kann man ihn/Mutti/Vaddi mal zu angepeilten Schulen schleppen und das mit Lehrpersonal erörtern; subjektiv würde ich ihm noch ein Jahr Zeit geben (Einschulung mit 7 bringt keinen um, ich habs auch überlebt :P Dass die entsprechende Lehrkraft, die meine Mutter da informiert hat, auch meinte, ich wäre sehr wahrscheinlich minderintelligent und wohl ein Fall für die Sonderschule, ist eine andere Geschichte..)
IMHO kann auch Standard-Schule gut funktionieren und die bezahlte nix taugen. Das kommt aber auch darauf an, mit welchen Bedingungen man startet, und die könnte man, denke ich, bei ihm innerhalb eines Zusatzjahres ziemlich verbessern.

hühnerschreck hat gesagt…

es ist wirkich tröstlich zu lesen, dass das nicht nur meine meinung ist.

bei hütchen sind es sowohl sprache als auch motorik. ich glaube, dass er da eine MENGE aufzuholen hat (hätte ...), und das in nur einem jahr. und: es würde eine sehr konsequente und vermutlich straff getaktete förderung durch die erzeugerfraktion erfordern. optimalerweise durch beide, denn für eine erwerbstätige person dürfte das zeitlich eine echte herausforderung sein.
daran zweifle ich gar sehre ...