2015-08-24

#626 - #bloggerfuerfluechtlinge

es ist mir so unglaublich ... ja, was eigentlich? „peinlich“ trifft es nicht - es regt mich auf und kotzt mich an, was (nicht nur, aber auch) in ost-ossiland – heidenau, freital und umgebung – grade passiert.

dass sich - ausgerechnet hier! - menschen vollpfosten trauen, flüchtlinge anzugreifen, die vor krieg und elend geflohen sind. ausgerechnet hier! und ganz besonders im tal der ahnungslosen, von denen so viele abgehauen sind.

und es waren in der verblichenen täterä mitnichten nur politisch verfolgte, die „rübergemacht“ sind (teils unter ganz erheblichen gefahren für leib und leben).
da war das ehepaar, das von der ddr eine auszeichnung (sinngemäß) für gutes sozialisten-sein inkl. kreuzfahrt bekommen hatte und im bosporus vom schiff sprang. die kamen an land an mit nichts als ihren nassen klamotten. sie wurden aufgenommen, durften in das land ihrer sehnsüchte einreisen und bekamen ordentlich starthilfe.
oder die eine, die einen schleuser teuer bezahlte und ihrer kleinen tochter schlaftabletten gab, damit das kind im kofferraum des fluchtautos nicht schrie. sie bangte, ob die kleine das überlebt. (ja, tat sie.)

die sind nicht aus politischen gründen abgehauen oder weil krieg gewesen wäre. sie hatten ein dumpfes bedrohungsgefühl und wollten in eine gefühlt bessere welt. also äonen, lichtjahre davon entfernt, was die flüchtlinge aus syrien und umgebung heute durchmachen.

und wie viele sind in den end-80ern/anfang der 90er „rübergemacht“ in den goldenen westen. (hier übrigens dazu mal kurz ein spiegel-artikel von damals.) neid und co. sind also offenbar keine rein ossideutschen „tugenden“ *

ein auszug aus dem artikel von damals:
Der Sozialdemokrat verweist auf sozialpsychologische Studien, denen zufolge sich der Patriotismus der Westdeutschen vor allem auf die ökonomische Leistung stützt. Dieser "Wirtschaftspatriotismus" schlage jedoch rasch in "Wohlstandschauvinismus" und in "ausgrenzende und fremdenfeindliche Gefühle" um, sobald jemand - wer auch immer - einen Anteil am Wohlergehen beansprucht.
tja, da hat sich genau nix verändert.

ich agitiere und diskutiere mit einigen hier, über deren uninformiertheit ich mich aufrege. am ende sind wir alle müde und leerdiskutiert und unzufrieden - ich, weil ich dieses bornierte „ich-mir-mein und keiner darf mehr haben als ich“ so unausstehlich finde, die anderen, weil sie rationalen argumenten nicht zugänglich zu sein scheinen und mich mit ihren angstgespinsten nicht niederdiskutiert bekommen.

das schlimme ist, dass zu denen auf der anderen seite auch menschen gehören, die mir lieb und teuer sind. aber die dürfen mir alle gepflegt den buckel runterrutschen. ich helfe, und fertig.

hier werde ich nach und nach eine kleine linkliste zusammenstellen mit artikeln zum thema.

(tut mir leid, dass das jetzt ein ziemlich zusammenhangloses geschreibsel geworden ist. gut möglich, dass ich diesen eintrag in den kommenden tagen noch nachbearbeite und überpoliere.)

Kommentare:

arboretum hat gesagt…

Oh ja, an die vielen sächselnden Wirtschaftsflüchtlinge, die ab Juni 1989 ins Rhein-Main-Gebiet kamen, erinnere ich mich auch noch sehr gut. Wir suchten damals eine Wohnung und hatten trotz der drei beauftragten Makler keine Chance, denn die Vermieter nahmen lieber DDR-Flüchtlinge, das Sozialamt zahlte für sie jede Miete. Die Mietpreise explodierten dementsprechend. Am Schluss hatten wir eine Räumungsklageandrohung an der Backe und dann doch noch Glück und eine neue Wohnung: ein umgebauter Schweinestall auf einem ehemaligen Bauernhof. In der Scheune fanden meine Schwester Rosarium später übrigens zufällig einmal ein altes, riesengroßes NPD-Wahlplakat aus dem Jahr 1969.

hühnerschreck hat gesagt…

ich gehöre ja quasi auch zu den wirtschaftsflüchtlingen der zweiten welle. meine mutter hatte in der alten sachs.-anhalter heimat keinen dauerhaften job in aussicht. als sie also einen mann kennenlernte, der einen kleinen handwerksbetrieb hatte und ihr einen job versprach, zog sie mit uns um.
auch wir waren im neuen ort ... nun ja, nicht erwünscht. von dem mann eh nicht, der wollte die frau (meine mutter), aber nicht den stressigen ballast (=uns zwei teenagerkinder). das ließ er uns spüren. aber auch in der schule war es ein spießrutenlauf vom ersten tag an. hochnäsige mitschüler, die uns ausgrenzten (mich) und mobbten (meine schwester), und einige lehrer, die uns wie geistig zurückgeblieben behandelten.
ich hatte jedoch die möglichkeit, nach wenigen jahren wieder in meine heimat zurückzukehren. dafür war ich schon damals extrem dankbar und bin es bis heute.
diese möglichkeit wird den millionen flüchtenden jetzt vermutlich noch lange verwehrt bleiben.

arboretum hat gesagt…

Ihre Mutter zog wegen des Jobs um, das war nochmals etwas anderes.

Im achten Schuljahr kam ein Mädchen aus der DDR in unsere Klasse. Unser Klassenlehrer hatte uns allen am Tag zuvor eingeschärft, sie bloß nichts zu fragen, was mit der DDR zu tun habe, die Familie hätte dort sehr gelitten. Wir hätte sie natürlich schon gerne das ein oder andere gefragt, trauten uns daraufhin aber nicht mehr. Die Arme dachte bestimmt, es interessiert sich keiner für sie. Nach einem Jahr wechselte sie die Schule. So weiß ich bis heute nicht viel mehr über sie, als dass sie aus Ost-Berlin war, dort einen Freund namens Percy gehabt hatte (den sie wohl vermisste, denn sie kritzelte mal seinen Namen auf den Tisch - daher weiß ich es) und dass ihr Vater Mathematikprofessor gewesen war und die Familie einen Ausreiseantrag gestellt hatte, auf den sie länger gewartet hatte (ich vermute, dass das nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann geschah). Unser Lehrer hatte es bestimmt gut gemeint, aber ihre Vergangenheit zum Tabuthema zu machen, ging völlig nach hinten los.