2015-04-13

#588 – oh heiliger sankt florian ...

den automotive-job habe ich nicht bekommen. als ausgebildeter profi mit wohnsitz im zielsprachenland, ahnung vom benötigten bereich und von der zielsprachlichen kultur (grade auch im zielsprachlichen bereich) bin ich vermutlich mal wieder zu teuer.
ich weiß es mittlerweile sicher. die projektmanagerin hätte mich gern genommen. nur halt: der preis, der preis. für das, was die mir bieten, kann und will ich nicht übersetzen. (und da habe ich schon den agenturpreis angesetzt. heißt: der preis für endkunden liegt noch ein ende darüber.) 

hrgnnn.
ein bekanntes phänomen, trotzdem ärgerlich.

es ist nicht so, dass ich deswegen nun am hungertuche nagen müsste. aber ich finde es durchaus ärgerlich. es wird allerorten über fehlende fachleute gejammert. für den ehrlichen klartext fehlt aber praktisch immer ein ganz wichtiges wörtchen. das wörtchen „billig“.

nun frage ich mich, wie das gehen soll.

wo genau sollen die profis auf ihrem feld herkommen? ist egal? also aus asien oder afrika, as usual? schön. das nennt sich globalisierung, stupid. deal with it.

nur: wie genau machen die das mit der erforderlichen sprach-, sach- und kulturkompetenz?

ich weiß, dass die sprachausbildung an vielen lehreinrichtungen der welt durchaus was taugt. sehr sogar. aber ich weiß auch, dass dir selbst das schönste goethe-deutsch beim übersetzen einer modernen betriebsanleitung nicht viel nützt.
selbst erlebt, btw. also als mithörende. betreffende person sprach ein ziemlich makelloses deutsch des 19. jahrhunderts. war aber nicht in der lage, in einem geschäft das gewünschte produkt zu erstehen. da kann eins sich jetzt seinen reim drauf machen.

dann: nicht in die eigene muttersprache zu übersetzen ist nicht übermäßig clever. weil der (muttersprachliche) leser der übersetzung das merkt. klar bekomme ich nach einigem nachdenken heraus, was mit „stuhl nur einmal pro person benützen“ gemeint sein könnte - bitte nicht überlasten, z.b. indem sich mehr als eine person draufsetzt. auffällig ist es aber schon. und der leser schüttelt den kopf und flucht (innerlich oder auch laut) über diese bescheuerten übersetzer.

nett wäre, nebenbei bemerkt, auch eine übersetzung, die den auftraggeber nicht mit einem bein in den knast bringt, stichwort: produkthaftung. dabei sind korrektheit und verständlichkeit eine ganz feine sache. und es hilft auch hier wieder enorm, die zielkultur zu kennen. indem man zum beispiel in derselbigen lebt und also adäquat und angemessen zu texten in der lage ist.
oder – hallo, fachkunde! – weiß, dass eine technische zeichnung nach iso und eine nach amerikanischem standard von anderen bezugspunkten ausgehen. es sind also links und rechts „vertauscht“, dito oben und unten.

weiterhin und siehe oben: ein bisschen sachkenntnis im jeweiligen „jagdgebiet“ wär' auch nicht von nachteil.
nur: wo soll eins die erwerben, wenn nicht durch zeitaufwändige (und i.d.r. teure) ausbildungen/schulungen? die, am rande, auch irgendwie wieder refinanziert werden müssen, wenigstens für den eigenen lebensunterhalt. sinnvollerweise inklusive eines spar- und vorsorgezuschlags, damit frau dann netterweise wenigstens eine rente knapp oberhalb des existenzminimums vorweisen kann. (von der marmelade aufs brot mal nicht zu reden. was das angeht, bin ich sehr, sehr privilegiert.)

es ist unerfreulich.

und nein, google translate und linguee liefern keine im beruflichen kontext brauchbaren übersetzungen.

in diesen kontext passt die unterhaltung mit einer freundin, die ich kürzlich führte. sie arbeitet eigentlich in einem ganz anderen bereich. aber „zur deckung der laufenden kosten“ übersetzt sie auch. zu einem kurs, der den stundensatz der profis um ein bis zwei welten unterbietet und etwa auf dem niveau der anbieter „aus afri- od' ameriko“ liegt.

diese kurzsichtigkeit ärgert mich sehr.

qualitativ mag das gut sein, ich weiß es nicht. ihre ausbildung lässt es vermuten.
um jedoch einen wenigstens einigermaßen brauchbaren stundensatz zu erzielen, müsste sie einen output liefern, der ... nun ja, sportlich-hoch angesetzt ist. (wenn ich mal davon ausgehe, was wir profis soliderweise produzieren.) auch das mag funktionieren, die texte seien sehr einfach, sagt sie. nun denn.
was ich aber wirklich unerfreulich finde (das schleicht mir auch nach): dass jemand, der in seiner eigenen fachrichtung mit exakt demselben problem kämpft, identischen unsinn anderswo reproduziert. daher der titel des eintrags: „oh heiliger sankt florian, verschon mein haus, zünd andre an.“

ich verstehe den beweggrund, lieber irgendwo schlecht bezahlt was runterzureißen, um wenigstens die lebenshaltungskosten abzudecken. keine frage. wie sich armut anfühlt, weiß ich aus erster hand. aber sehenden auges genau dasselbe anderen auch überzuhelfen – ich weiß nicht.

nun ratlos zurück an die terminologie.

Kommentare:

Felis hat gesagt…

Ich bin da hundertprozentig bei dir, ganz im Ernst. Letztlich ist das Problem anderswo zu suchen, und zwar bei mir wie auch bei den Leuten aus Afri-oder Americo: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. (Brecht) Notwehr. Und vertue dich nicht: Mich regt das genau so auf wie dich, ich habe nur zeitweise einfach keine Wahl. In meinem Hauptberuf ist es ebenso. Solange mich 'die Neffen, die mal was mit Websites gemacht haben' um ca. 40% unterbieten, MUSS ich mit meinen Preisen herunter, arbeite definitiv unter Wert. Nur: was tun? Von irgendwas muß man ja leben. Wenn ich mit hoher Moral und geradem Kreuz meinen Strom nicht mehr bezahlen könnte, änderte das die Welt um kein Jota.

hühnerschreck hat gesagt…

in diesem konkreten fall reden wir von einem faktor größer vier. oder weniger als einem viertel, je nach betrachtungsweise.

aber es ist wohl wahr: die moral allein bezahlt keine rechnung.