2011-10-12

#303 - gedanken zur arbeit

kürzlich bekam ich - vollkommen im ernst - gesagt, es sei ja man bloß gut, dass ich keine technischen texte schriebe. wegen dieser bemerkung war ich wirklich angefressen.

zum einen wäre da die tatsache, dass das blödsinn ist: ich habe jahrelang erfolgreich patente übersetzt. erfolgreich heißt, der auftraggeber war mit meinen übersetzungen so zufrieden, dass er mich über mehrere jahre hinweg immer wieder beauftragt und relativ gut bezahlt hat. also nochmal: was genau ist ein patent, wenn nicht zu einem großen (überwiegenden?) teil technisch?

nächste frage: wer verzapft den ganzen unleserlichen schrott, mit dem sich der übersetzer oder lektor herumschlagen darf? um den sinn hinter gruseligen - bisweilen auch gern unverständlichen - , elend langen und mit substantiven völlig zugemüllten* satzkonstruktionen zu erraten? techies - im weitesten sinne. also leute, die eben nicht kommunikation studiert haben. sondern die rechnen können, konstruieren, programmieren usw. (zumindest hofft man das.)

dann ist es aus meiner sicht nicht fein, auf andere herabzusehen, weil sie etwas anderes gelernt/studiert haben und tun als man selbst. mir gehen arrogante studiosi schwer auf die nerven, die auf alles herabsehen, was mit den händen arbeitet oder nicht mathe/physik/... im hauptfach studiert hat. ebensosehr nerven mich hand-werker, die (uns) "griffelspitzer/sesselfurzer/..." herabwürdigen, weil wir eben NICHT überwiegend mit den händen arbeiten. diese unterteilung ließe sich nahezu unendlich fortsetzen: veterinär- gegen humanmediziner, mediziner allgemein gegen den rest der welt, techniker gegen kommunikationsfachleute, und. so. weiter. es nervt.

ob den schwätzern jedweder richtung schon mal aufgefallen ist, dass es weder ohne die einen noch ohne die anderen geht? das ist doch grade das gute an unserer gesellschaft: arbeitsteilung. man macht das, was man (hoffentlich) besonders gut kann. dafür braucht man sich nicht mit sachen herumzuschlagen, für die man weniger begabt ist.
die einen rechnen, konstruieren und bauen sachen, andere schreiben, texten und erklären. (und noch andere machen noch andere sachen. und das ist auch gut so.)
grundsätzlich tut man meiner meinung nach gut daran, sich bei sachen, die man selber nicht so gut kann, von leuten helfen zu lassen, die es können.

ich kann sagen, ich habe in meinem leben bereits sehr viele technische texte gelesen. hunderte, wahrscheinlich sogar tausende. bedienungsanleitungen, handbücher, die oben bereits genannten patente, lehrbücher, dokumentationen, und ... und ... und.
manche dieser texte waren hervorragend: klar strukturiert, verständlich, flüssig zu lesen, im optimalfall auch typografisch ansehnlich - und sie brachten "ihre" information an den leser. dass mir solche texte auffallen, liegt an ihrer seltenheit.
andere texte waren einigermaßen okay, die information kam rüber. (vermutlich.) die störquellen machten den text nicht unverständlich. diese art texte ist der durchschnitt. schlampig redigiert, schlampig formatiert, aber der übersetzer wird's schon richten - oder: der käufer wird es schon kapieren. tun sie ja auch meistens.

gelegentlich waren texte aber schlicht grauenhaft. sie bestanden aus pseudo-techsprech, durchsetzt mit unzähligen (möchtegern-)anglizismen, die sach- und fachkunde vortäuschen sollten. (nein, "die art" (... und weise) entspricht auf englisch nicht "the art". ehrlich nicht. ich hab nachgesehen.)
ich habe sätze gelesen, die nur aus substantiven bestanden*. kommasetzung "wie mit der pistole reingeschossen" korrigiert. von "das"/"dass" rede ich vorsichtshalber gar nicht erst. ich habe unverständliche ausführungen gelesen. struktur vermisst (thema-rhema-gliederung, anyone?). das ganze wurde gern kombiniert mit optischen gemeinheiten wie winziger schriftgröße, schlecht lesbaren schriften, fehlenden absätzen, blöden farben und dergleichen - die liste ist leider sehr lang.

warum nur meinen techies, dass sowas ausreichend ist? nein, ihr lieben, ist es nicht. wegen solcher schlampereien geschehen fehler. produkte werden nicht richtig verwendet, nutzer sind frustriert. anlagen gehen kaputt, leute verletzen sich, firmen bekommen sehr teure regressforderungen an die backe genagelt (produkthaftung ist in dem zusammenhang eine garstige sache!).
und all das nur, weil euch eure leser nicht verstehen. das muss nicht sein. fragt doch einfach jemanden, der sich damit auskennt.

und bloß weil etwas "schon immer" so war oder gemacht wurde, muss man denselben scheiß doch nicht ewig weiter schlecht und/oder falsch machen. wäre "das haben wir schon immer so gemacht" eine brauchbare begründung, säßen wir heute noch in dumpfigen höhlen und würden steine auf mammuts schmeißen.


* beispiel gefällig? voilà: "die berechnung der aufgabenstellung wird durchgeführt" da kotz ich im strahl! wie wäre es denn mit "die aufgabe wird berechnet"?!



mein weiterer meckerpunkt (der diesmal gottseidank nicht auch noch zum tragen kam):
mein "hausfrauenstudium" übersetzen.
oft gehört: das übersetzen sei doch total einfach, dazu brauche man ja nur ein wörterbuch. ja, nee, is klar. meint ernsthaft jemand, dass ein übersetzerstudium 5 jahre dauern würde, wenn es so einfach wäre? der spracherwerb ist damit übrigens nur sehr am rande mit abgedeckt.

als beispiel für "ihr braucht ja kein technisches verständnis" werden immer gern literaturübersetzer genannt.
zunächst: auch hier ist diese behauptung wieder quatsch. selbst eine "banale" krimiübersetzung kommt heutzutage selten ohne forensik und entsprechendes technik-geraffel aus. csi und co wären echt langweilig, wenn statt "rippenspreizer" und "röntgenfluoreszenzspektroskopie" von "dings" und "analyse" die rede wäre.

dann: woran merkt der übersetzer, dass die amis jetzt grade vom "Sie" zum "du" übergehen?

hm. wohl doch nicht so einfach.

und dann sieht es bei den literatur-übersetzern auch nicht besser aus als bei ihren technik-/vertrags-/wirtschaftskollegen: man sieht sie nicht.

eine übersetzung wird nur als solche wahrgenommen, wenn sie schlecht ist. eine gute übersetzung hingegen ist quasi unsichtbar. gelesen, kommentiert und zitiert wird der autor.
aber hat sich schon mal jemand klargemacht, dass es die so genannte weltliteratur schlicht nicht gäbe ohne übersetzer? dumas, melville, cervantes, dostojewski - sie alle wären nur einem verhältnismäßig kleinen leserkreis bekannt.

die arbeit des übersetzers ist schon deutlich mehr als das bloße wälzen von (fach-)wörterbüchern. so lange spr ache nicht logisch ist (bzw. so lange maschinen nicht denken können), so lange wird eine maschinelle übersetzung scheitern. und so lange werden sich vermutlich leute, die ahnung von sprache haben, mit der herablassung der rechner und techies et cetera konfrontiert sehen.

Kommentare:

kittykoma hat gesagt…

! Richtich!
Die Bemerkung mit den technischen Texten kam doch von einem Mann, oder?

Hühnerschreck hat gesagt…

natürlich kam sie das. (der immerhin lernfähig zu sein scheint ...)